Der Meister des Zynismus brillierte auf der Halpaghen-Bühne
Buxtehude (ff). Es beginnt völlig harmlos. Wenn Georg Schramm als smarter Motivationstrainer bei der Vorstellung seiner Kosten-Nutzungsrechnung des humanen Kapitals das Publikum laut mitrechnen lässt, besteht noch keine Lebensgefahr. Aber Schramm gilt nicht umsonst als einer der kompromisslosesten Satiriker des deutschen Kabaretts. Während es in den Köpfen noch raucht, schleudert der Meister des Zynismus schon die erschreckende Pointe hinterher: Sein Konzept Leben jetzt funktioniert nur, wenn Arbeitslose mit 55 Jahren sozialverträglich ableben.
Lachen ja aber mit Gänsehauteffekt. In seinem neuen Soloprogramm Thomas Bernhard hätte geschossen wird die Lust, mit einem Schlag Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen und Leute für soziales Fehlverhalten einfach abzuknallen, schnell spürbar. Und das, obwohl der Revolver erst ganz zum Schluss zum Einsatz kommt, das heißt, letztendlich bleibt die Kugel im Lauf. Dann ist es wieder so wie im wahren Leben, keiner wehrt sich wirklich. Das ärgert ihn: Die Leute wollen gar nicht wissen, dass sie betrogen werden. Aber einfach erschießen, so wie es der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard in einem seiner Stücke vorschlägt, habe auch einen Haken. Die Opfer werden dadurch zu Märtyrern und man benennt Straßen und Plätze nach ihnen. Beispiel Schleyer. Ein hochrangiger SS-Scherge bis zu seiner Ermordung, schiebt Schramm hinterher. Was den Mann treibt, ist unbändiger Zorn und maßlose Wut. Auf den Bundespräsidenten Horst Köhler, weil er den Arm-Reich-Konflikt nicht zum Thema macht. Auf die Politiker, die das Stimmvieh, das morgen wieder abgeschlachtet wird, mit der Mär der Vollbeschäftigung für dumm verkaufen. Wir werden systematisch belogen und ausgeplündert, schmettert er dem Publikum immer wieder entgegen. Aus der Perspektive des Rentners Lothar Dombrowski klagt Schramm das korrupte Gesundheitssystem, die Ärzte-Mafia und die heuchlerische Pharmaindustrie an. Als August, einer der letzten wahren Sozialdemokraten, ereifert sich der Träger zahlreicher Kleinkunstpreise über wohltätige Reiche, die Kartoffelsuppe mit Lachs ausschenken, und hintenrum über Arbeitslose herziehen. Wenn der ehemalige Bundeswehroffizier als Oberstleutnant Sanftleben mit erschreckender Ironie über den Krieg sinniert, ist sie wieder da, die Überlegung, ob man eigentlich lachen darf. Hintergründig, böse und bissig, aber nie ohne Liebe zum Detail lässt Schramm seine volksnahen Figuren brutale Wahrheiten verkünden. Mit dem eindringlichen Appell, endlich aufzuwachen, sich aufzuraffen und ein Zeichen zu setzen gegen mafiose Strukturen endet seine brillante Abrechnung mit dem Polit-Zirkus und der Gesellschaft.
Artikel erschienen am: 19.09.2005 im Buxtehuder Tageblatt
Jetzt
mal Hand aufs Herz oder knapp darunter: Georg Schramm in seiner Rolle als grantelnder
Rentner Lothar Dombrowski.