Igel dient als Briefbeschwerer

Barbara Thalheims Wiedersehen mit Buxtehude – Zugaben beim Konzert

Buxtehude (ot). Die kleine Igelplastik ist ihr geblieben: Vor 24 Jahren nahm Barbara Thalheim den Preis des Buxtehuder Kleinkunst-Igels mit nach Hause, in die DDR. Bis heute dient ihr das kleine schwere Stacheltier als Briefbeschwerer. Etwas staubig sei der Igel geworden, und er habe viel mehr zu beschweren, seitdem sie Bundesbürgerin sei, sagte Barbara Thalheim.
Ein Wiedersehen mit der ersten Preisträgerin des Buxtehuder Kleinkunst-Igels gab es am Freitagabend im Forum Süd aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Vereins. Und auch der Igel war mit dabei.
„Insel sein“, heißt ihre neue CD, für die Barbara Thalheim im August 2004 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhielt. Ihre Chansons stimmen nachdenklich und gehen unter die Haut. Jean Pacalet als ihr virtuoser Begleiter hat großen Anteil daran. Der begnadete Pariser Musiker malt leidenschaftlich Klangbilder. Mit seinem Akkordeon entführte er das beeindruckte Publikum in eine Landschaft unter dem Meer. Stille herrschte nach dem letzten Ton, bevor der Beifall sie unterbrach.
Auf der Suche nach „Inseln, wo die Menschen noch Bücher lesen und Fragen an das Leben stellen“, zeigt die kompromisslose, kritische „Jungfrau“ mit der Löwenmähne ihre (Neu)-Gier auf das Leben. Nach überwundener Krebskrankheit und langer Bühnenpause singt sie: „Ich atme die Welt ein und als Lied wieder aus“. Mal allmächtig, mal klein wie ’ne Laus, hält die Mittfünfzigerin mit ihrer Gedanken- und Gefühlswelt nicht hinterm Berg, auch nicht mit kritischen Tönen über die Politik im Land. Ihre Stimme macht diese Welt hörbar, begleitet von ihrer Gitarre. Mal sanft und fragend, mal kraftvoll, mal gehaucht, warm oder rauchig. Sie möchte nehmen, um zu geben, möchte nichts bereuen, weder hier noch dort, mit allem einig sein um sich her. Doch manchmal möchte sie sich wegbeamen aus dem Land der Event- Kultur und empört sich darüber, wie ein Radiosender eine politische Live-Diskussion mit ihr wegen eines völlig sinnlosen Quietschentenrennens unterbrach. „Mein Herz muss barfuß gehen durch diese Welt“: Den Menschen, die auch so empfinden, will sie eine Insel sein. Nach fast drei Stunden war längst nicht alles gesagt. Der herzliche Applaus und mehrere Zugaben sprachen für sich.

Wiedersehen nach 24 Jahren in Buxtehude: Nach dem fast dreistündigen Konzert im Forum Süd genehmigten sich Barbara Thalheim und Jean Pacalet ein Gläschen Wein. Foto: Ottens

Artikel erschienen am: 20.09.2004 im Buxtehuder Tageblatt