Buxtehude. (hag). Wachsende Arbeitslosenzahlen, steigende Steuerbelastungen, verschärfte Sozialkürzungen, undurchsichtige Reformen, Ebbe im Portemonnaie – wem platzt da nicht der Kragen?
Für Friseurmeister Peter Holzer und seinen Kollegen ist jedenfalls endgültig Schluss mit lustig. Bei Holzer hat der letzte Steuerbescheid das Fass zum Überlaufen gebracht. Mit einem Traktor und 5278 Liter Gülle im Schlepp macht er sich von Braunschweig aus auf den Weg zur Deutschen Börse nach Frankfurt. Dort will er den Hauptsaal pünktlich zum Beginn des Parketthandels mit der stinkenden Brühe fluten. Das Ende vom Lied: Peter Holzer, alias Chez Güllevara, braucht einen guten Anwalt.
Und der kam am Freitagabend auf der Halepaghen-Bühne in der Gestalt von Thomas Freitag daher. Gute zwei Stunden lang heizte der Kabarettist seinem Publikum mit „Geld oder Gülle“ ein: Das war tempostarkes und handgemachtes Kabarett mit einem überaus wandlungsfähigen Komödianten in der Hauptrolle.
Gnadenlos wettert Freitag gegen den Gestank der deutschen Bürokratie, gegen die Profillosigkeit der Politiker, für die er sich als diplomierter Geräusch-Designer ein besonders entzückendes Sprechblasen-Special ausgedacht hat. Thomas Freitag schießt gegen die Arbeitslosigkeit „wer heute über 55 ist, muss schon Ratzinger oder Lafontaine heißen, wenn er noch einen Job bekommen will“, wettert gegen die Wirtschaftsdiktatur und ihre alles beherrschenden Dogmen und stellt sich dabei immer auf die Seite der Opfer, zu denen auch sein Braunschweiger Friseurmeister Peter Holzer gehört. Der konnte, das steht zweifelsfrei fest, Deutschland einfach nicht mehr aushalten. Die Verteidigung seines Mandanten nutzt Thomas Freitag zum satirischen Rundumschlag, zeichnet in einem einfallsreichen Szenario ein entmutigendes Bild von der Lage in der Nation und hält als Rechts- und Staatsanwalt, als Richter und als Zeuge den Tücken und Absurditäten des bundesdeutschen Alltags einen Spiegel vor.

Beim Besuch in der TAGEBLATT-Redaktion befindet sich Thomas Freitag in bester Gesellschaft. Foto: Aldag
Der Parodist Thomas Freitag lässt Brandt und Strauß, Schröder und Stoiber aufmarschieren und es ist eine Lust, ihm zuzuhören, wenn er im Zuge der Reformen das neue Selbsthilfe-Programm für Patienten vorstellt, die unter dem Motto „Mit der Schädelzange auf Du und Du“ Hand an sich legen. Letzteres zur großen Freude einer euphorischen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, deren rheinischem Slang Thomas Freitag seine Stimme leiht – zum Schieflachen.
Der deutsche Mallorca-Wahn – „da bekommt die Legion Condor einen ganz neuen Sinn“ – wird per Flaschenpost germanischer Ausgewanderter zur höchsten Querulanz getrieben – samt Lärmschutzwand gegen das Meeresrauschen. Und in einem Land, in dem 97 Prozent der Bürger „so aussehen, als wären sie mit Peter Struck zum Sex verabredet“ ist Peter Holzers Gülle nur ein erster Tropfen auf dem heißen Stein: „Irgendwann wird nur noch Gülle sein. Und das ist gut so. Denn Gülle ist Dünger.“
Artikel erschienen am: 08.05.2006 im Buxtehuder Tageblatt